Der letzte Gast der Steinbachalm

Erscheint im August 2018

112 Seiten

ISBN 978-3752867718

Erscheint als Taschenbuch und Ebook

 

Urlaub auf dem Bergbauernhof in Südtirol, und zum ersten Mal darf Paul ohne seine Eltern und seine kleine Schwester wandern gehen. Doch gleich bei der ersten Tour wird er von einem Unwetter überrascht, und nur so gerade noch erreicht er die Steinbachalm. Aber warum behauptet die Tochter des Bauern, dass er an der Alm unmöglich andere Wanderer gesehen haben kann? Als er am nächsten Tag mit Franziska noch einmal zur Alm wandert, traut er seinen Augen nicht - die Hütte ist nur noch eine Ruine! Aber hat doch Licht hinter dem Fenster gesehen, und Leute!

Ebook €2,99
Taschenbuch €5,90

Autorenplauderei: Verwendung eigener Fotos fürs Cover

Für das Cover hätte ich die Fotos überaus gern selbst gemacht, denn ich kenne eine halb verfallene Almhütte, die ideal dafür wäre. Dem standen allerdings die italienischen Gesetze entgegen: Ich hätte vor der Verwendung die Zustimmung der Eigentümer einholen müssen, und ich bin mir nicht sicher, ob es mir gelungen wäre, diese Eigentümer überhaupt ausfindig zu machen.

An der Gabelung setzte Pauls Vater den Blinker und steuerte den Wagen von der Staatsstraße nach links auf eine schmalere Straße. St. Peter 4 Kilometer verkündete der Pfeil an der Abzweigung, rechts waren zwei weitere Dörfer ausgeschildert. „Gleich sind wir da!“, kündigte Pauls Vater an. „Wenn man dem Navi glauben darf, sind’s noch zwölf Minuten.“

Paul beugte sich auf dem Rücksitz vor, um das Display des Navis sehen zu können. Die Karte zeigte ein langgestrecktes Tal, das die Form eines stark gedehnten S hatte, ehe es sich ganz am Ende in zwei Täler teilte. Grüntal und Schwarztal, zeigte das Navi an, und auch auf den Wegweisern hatten die Namen gestanden. St. Peter lag am Ende des Schwarztals, auf halber Strecke war noch eine kleine Siedlung eingezeichnet.

Paul war schon oft in Südtirol gewesen, denn seine Eltern liebten die Berge. Jedes Jahr ging es im Sommer für zwei Wochen über den Brenner, und wenn es sich einrichten ließ, noch einmal in den Weihnachtsferien zum Skilaufen. Das Schwarztal war allerdings Neuland für ihn, und er wusste nicht mehr über das Ziel ihrer diesjährigen Urlaubsreise als das, was er im Internet gefunden hatte. St. Peter hatte gut anderthalbtausend Einwohner, verfügte aber über drei größere Hotels, ein halbes Dutzend kleinere Pensionen und diverse einzelne Fremdenzimmer. Geworben wurde mit vielen Wandermöglichkeiten vom leichten Spazierweg bis zur anspruchsvollen Bergtour und etlichen Kilometern Langlaufloipe im Winter. Außerdem sollte es einen Klettergarten geben, und ein Bauer bot nebenbei Ponyreiten an. Das war vielleicht etwas für Pauls kleine Schwester, aber im Moment schwankte Mathilda noch. Mathilda war sieben, und sie liebte Tiere, aber als im Winter der Zirkus in der Stadt gewesen, hatte sie doch noch großen Respekt vor den Ponys gehabt.

Das Tal wurde enger, und dichter Nadelwald löste die Wiesen ab. Jetzt konnte Paul sich denken, woher das Tal seinen Namen hatte, denn obwohl es noch eine Weile hin war, bis es anfangen würde zu dämmern, wirkten die Bäume tiefdunkel.

Mathilda wurde unruhig und begann, auf dem Sitz hin- und herzurutschen. Wahrscheinlich musste sie mal, vor Aufregung und weil die letzte Rast fast zwei Stunden zurücklag. Das war noch in Österreich gewesen, und noch mal hatten Pauls Eltern nicht anhalten wollen, weil es ohnehin schon spät genug war. Pauls Vater, der bei der Stadtverwaltung arbeitete, hatte den Freitag nicht extra freinehmen wollen und war nur etwas früher gegangen als gewohnt. Pauls Mutter, die als Lektorin arbeitete, hatte noch einen Termin mit einem Kunden gehabt, so dass sie erst am Mittag hatten losfahren können. Für Paul und Mathilda war es dagegen schon die zweite Ferienwoche, sie hatten also zumindest schon mal packen können. Paul hatte Übung und wusste, was er mitnehmen musste, so dass er mit seinen eigenen Sachen schnell fertig gewesen war. Dafür zu sorgen, dass auch Mathildas Koffer bis mittags möglichst vollständig gepackt war, war dagegen ein schweres Stück Arbeit gewesen. Seine Mutter hatte ihn gebeten, sich darum zu kümmern, damit sie nicht noch später wegkamen.

Jetzt ging es auf acht Uhr abends zu, und die fast siebenstündige Fahrt näherte sich endlich dem Ende. Paul freute sich darauf, sich endlich wieder bewegen zu können, denn die kurzen Pausen auf überlaufenen Autobahnraststätten waren keine echte Erholung gewesen. Vielleicht konnte er nach dem Abendessen noch ein Stück joggen gehen; zu Hause drehte er jeden Abend seine Runde, bei Wind und Wetter. In St. Peter kannte er sich aber nicht aus, er wusste nicht, ob es eine geeignete Laufstrecke gab. Außerdem war er nicht sicher, ob seine Mutter ihn noch mal rauslassen würde. Sie machte sich ständig Sorgen um ihn, obwohl er schon zwölf war. Es war schon spät, die Straßen waren vielleicht nicht ausreichend beleuchtet, sein Körper hatte sich noch nicht akklimatisiert, er kannte sich nicht aus und konnte sich leicht verirren – Paul konnte sich schon vorstellen, welche Argumente seine Mutter gegen seinen Abendsport finden würde, aber er wollte es zumindest versuchen.

Das erste Ortsschild tauchte auf, aber die Häuser dahinter gehörten erst zu der Siedlung vor St. Peter, die Paul auf dem Navi gesehen hatte. Noch zwei Kilometer, sieben Minuten, behauptete das Navi. „Ist es noch weit?“, wollte Mathilda wissen, eine Hand zwischen die Beine gepresst. „Nein, wir sind bald da“, beruhigte ihr Mutter sie. „Und dann gibt’s bestimmt auch gleich Abendessen. Hast du Hunger?“ Mathilda nickte eifrig, und Paul konnte es ihr nachfühlen. Sie hatten zwar etwas Proviant eingepackt, aber er brauchte jetzt was anderes als Müsliriegel oder Mettwürstchen. Irgendwas richtig Deftiges, und eine ordentliche Portion Nudeln oder Kartoffeln, das wäre genau das Richtige.

Der Wald wich zu beiden Seiten von der Straße zurück, und Wiesen erstreckten sich über den Talboden und ein Stück weit die Hänge hinauf. Hier und da standen ein paar Kühe, jene robusten Südtiroler Rassen, die auch oben auf den Almen ihr Auskommen fanden und sich nicht vor steilen Hängen fürchteten. Paul hatte in früheren Urlauben Kühe an Stellen herumkraxeln sehen, die er freiwillig nicht erklettert hätte, obwohl er trittsicher und schwindelfrei war.

Die Zahl unten links auf dem Display des Navis näherte sich zielstrebig der Null, und jeden Moment musste das Dorf in Sicht kommen. Die Straße machte einen leichten Schwenk nach rechts, und links davon trafen die Strahlen der Sonne auf Wasser. Das musste der See sein, an dem St. Peter lag! Auch auf der Karte auf dem Navi war es zu sehen: Links der Straße der See, länglich, vielleicht vierhundert Meter lang und an der breitesten Stelle vierzig oder fünfzig Meter breit, und rechts, etwas höher am Hang gelegen, das Dorf.

Die ersten Häuser, die Paul sah, waren im typischen Stil der Region erbaut und offenbar wirklich alt. Der Hof, der als Erstes in Sicht kam, mochte schon vier oder fünf Jahrhunderte auf dem Buckel haben und hätte gut als Filmkulisse dienen können. Aber auch in St. Peter war die Zeit nicht völlig stehen geblieben, Paul sah auch einige Häuser jüngeren Datums. Die Reihenhäuser in einer Seitenstraße fügten sich dabei wenigstens noch unauffällig ins Gesamtbild ein. Die Bausünden weiter oben am Hang fand Paul dagegen kitschig, sie passten in die Umgebung wie Pfau in einen Hühnerstall. Ein großer Klotz, mit gebogener Front und weißem Verputz mit blauen Streifen um Fenster und Türen schien ein Hotel zu sein, die anderen hielt Paul für Ferienhäuser. Solche und schlimmere geschmackliche Entgleisungen hatte er leider schon in einigen Dörfern gesehen, in denen er mit seinen Eltern Urlaub gemacht hatte; manche Leute schienen überhaupt kein Gespür dafür zu haben, was in die Umgebung passte, oder es war ihnen egal. Paul die ursprüngliche Bebauung lieber, und wohlgefühlt hätte er sich in einem Hotel wie dem dort oben garantiert nicht.

Seine Eltern mochten auch keine Bettenburgen und hatten dazu einen guten Grund, sie zu meiden. Selbst wenn das Hotel auf Kinder eingerichtet war, es genügte ein Gast, der keine Kinder mochte, um einer Familie den ganzen Urlaub zu verderben. Gerade von Mathilda mit ihren sieben Jahren konnte man zwar schon Benehmen erwarten, aber nicht, dass sie sich nur auf Zehenspitzen bewegte und flüsterte. Deshalb buchten Pauls Eltern lieber Zimmer oder Apartments in Häusern, in denen keine Konflikte mit anderen Gästen zu befürchten waren.

Pauls Vater steuerte den Wagen am Dorfzentrum vorbei, das sich um die Kirche gruppierte und aus dem Friedhof, dem Rathaus und einem Gebäude bestand, das Kindergarten, Grundschule und Mittelschule beherbergte. Schilder am Straßenrand wiesen auf verschiedene Hotels, Pensionen und Restaurants hin, auch der Klettergarten war ausgeschildert.

„Da hinten ist es!“, sagte Pauls Vater und deutete auf ein Haus, das am taleinwärtigen Dorfrand stand. Oberseehof stand in brauner Schrift auf der weißen Wand. Noch zweihundert Meter, behauptete das Navi, und gleich darauf sagte die weibliche Computerstimme auch schon: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Der Oberseehof bestand aus dem Haupthaus, einer Scheune und einem offenen Unterstand, in dem ein Traktor mit Anhängern und ein Kleinbus geparkt waren. Haupthaus und Scheune waren im Erdgeschoss gemauert, der obere Teil war aus Holz oder mit Holz verkleidet, das war von außen nicht zu unterscheiden. Der Hof wirkte altertümlich, aber gepflegt.

Weil kein spezieller Parkplatz für Gäste ausgewiesen war, brachte Pauls Vater den Wagen zunächst vor dem Unterstand zum Stehen, wobei er darauf achtete, weder den Traktor, noch den Kleinbus zuzuparken. Auch wenn der Bauer nur einen kleinen Teil seines Lebensunterhalts mit dem Hof verdiente, musste die Arbeit doch gemacht werden, und als guter Gast wollte Pauls Vater nicht im Wege sein.

Aufatmend kletterte Paul aus dem Wagen und streckte sich. Tat das gut, die Beine wieder ausstrecken zu können! Er hatte sich bewusst nicht hinter seinen Vater gesetzt, der groß gewachsen war und den Sitz entsprechend weit nach hinten schieben musste, und auch den Platz mit Mathilda getauscht, wenn die Eltern sich beim Fahren abgewechselt hatten, aber viel Platz für seine Beine hatte er trotzdem nicht gehabt.

Mathilda hopste auf der anderen Seite auf den Asphalt und presste gleich wieder beide Hände zwischen die Beine. Pauls Mutter sah es und erkannte auch, dass ein Malheur drohte, wenn Mathilda nicht schnell zur Toilette konnte. Sie machte sich sofort auf den Weg zum Haupthaus, um ihre Ankunft zu melden und darum zu bitten, dass Mathilda vor allem anderen erst mal aufs Klo konnte.

Doch sie war noch keine zwei Schritte weit gekommen, als die Eingangstür geöffnet wurde. Eine Frau, die etwa so alt sein musste wie Pauls Eltern, kam nach draußen, um die neuen Gäste zu begrüßen. Sie machte auf Anhieb einen netten Eindruck, war mittelgroß, kräftig und rotbackig. Das blonde Haar trug sie zum Pferdeschwanz gebunden, die Kleidung war mit Jeans, T-Shirt und festen Turnschuhen zweckmäßig. Man sah ihr an, dass sie zupacken konnte, was sie als Bäuerin sicherlich auch musste, und hatte irgendwie sofort das Gefühl, bei ihr gut aufgehoben zu sein.

Sie erkannte auf den ersten Blick, wo die Lunte brannte, und hielt die Begrüßung kurz. „Ich zeige Ihnen sofort die Zimmer“, versprach sie, nachdem sie sich vorgestellt hatte. „Aber vorher zeige ich dir, wo die Toilette ist.“ Sie lächelte in Mathildas Richtung und machte eine einladende Geste mit dem Kopf. Mathilda nickte und lief hinter ihr her ins Haus. Die Tür blieb offen, was eine mollige Katze zu einem Ausflug nach draußen nutzte. Der Stubentiger machte ein paar Schritte auf Paul und seine Eltern zu, entschied dann aber wohl, dass die drei sich nicht nennenswert von allen Touristen vor und nach ihnen unterschieden, und drehte ab, um im Wagenschuppen hinter dem Traktor zu verschwinden. Vielleicht gab es dort Mäuse zu jagen, oder einfach einen gemütlichen Platz, an dem man in Ruhe abwarten konnte, bis die neuen Gäste sich eingerichtet hatten und der Trubel im Haus aufhörte.

Zwei oder drei Minuten mussten Paul und seine Eltern sich gedulden, dann kamen Mathilda und die Bäuerin zurück. Mathilda wirkte ganz so, als hätte sie schon Freundschaft geschlossen mit der Frau, die darauf bestand, nicht als Frau Durlacher angesprochen zu werden, sondern schlicht als Christine. Für Mathilda war das absolut normal, obwohl sie gelernt hatte, fremde Erwachsene zu siezen, bis die ihr das Du anboten. Auch Paul schaltete nahtlos um; nur seine Eltern taten sich etwas schwer damit. Beide hatten beruflich häufig Kundenkontakt, und da lief grundsätzlich alles per Sie, das hatte sich im Lauf der Jahre eingeschliffen und färbte aufs Privatleben ab.

Christine führte die neuen Gäste ins Haus, das drinnen urgemütlich aussah. Weißer Gipsbewurf an den Wänden, viel Holz, wuchtige Möbel, die von der Sonne, die durch die Fenster hereinfiel, in eines warmes Licht getaucht wurden, das wirkte urig, ohne kitschig zu sein.

Weil sie zu Recht annahm, dass die Gäste sich erst mal frisch machen wollten, brachte Christine Paul, Mathilda und ihre Eltern direkt nach oben in den ersten Stock und zeigte ihnen ihre Zimmer. Nur im Vorbeigehen deutete sie auf eine Tür zur Linken und erwähnte, dass dort der Frühstücksraum war.

Die Zimmer waren hell und geräumig. Insgesamt verfügte der Hof über drei Doppelzimmer, aber Christine erzählte, dass das dritte Zimmer in der Zeit, in der Paul und seine Familie da waren, nicht belegt sein würde.

Paul hatte ein Zimmer für sich, seine Eltern hatten ihm nicht zumuten wollen, das Zimmer mit Mathilda zu teilen. Stattdessen hatten sie darum gebeten, ein zusätzliches Bett in ihrem Zimmer aufzustellen. Paul war ihnen dankbar dafür, denn zumindest abends wäre er eingeschränkt gewesen, weil Mathilda viel früher ins Bett musste als er. Außerdem wäre seine Mutter bestimmt auch ständig reingekommen, um nach Mathilda zu sehen.

Christine fragte, ob eine halbe Stunde genügen würde, um sich einzurichten und frischzumachen. Für Paul war das mehr als genug Zeit, zumal seine Eltern ihm mit Sicherheit nicht erlauben würden, sich vor dem Abendessen noch draußen umzusehen. Er musste nicht unbedingt den Koffer komplett auspacken, und ansonsten klatschte er sich nur zwei, drei Hände voll kaltes Wasser ins Gesicht.

Eigentlich gab es am Oberseehof nur Frühstück, aber wegen der späten Ankunft hatten Pauls Eltern mit der Bäuerin vereinbart, dass sie am ersten Abend für die Gäste mitkochen würde. In den nächsten Tagen würden Paul, seine Eltern und Mathilda im Restaurant essen oder sich etwas zu essen holen.

Beim Essen, das im Frühstücksraum serviert wurde, lernte Paul den Rest der Bauersfamilie kennen: Arnold, Christines Mann, und ihre Tochter Franziska. Arnold schien ein paar Jahre älter zu sein als seine Frau, vielleicht schon an die fünfzig, und hatte ein strenges Gesicht. Erst auf den zweiten Blick wurde Paul klar, dass es wohl die Kombination aus einer schmalen Nase und kurz geschnittenem, dunklem Haar war, die ihn so wirken ließ. Arnold redete nicht viel, aber wenn, dann mit einer tiefen, ruhigen Stimme, und das wirkte kein bisschen griesgrämig.

Franziska war ungefähr so alt wie Paul, schlank und nett anzusehen. Sie hatte das dunkle Haar ihres Vaters geerbt und trug es schulterlang. Im Moment hatte sie es zu einem praktischen Pferdeschwanz gebunden, aber Paul konnte sich gut vorstellen, dass sie es auch gern offen trug und damit mindestens genauso hübsch aussah. Ihre Haut war leicht gebräunt, und die Augen von einem dunklen Braun; wenn sie es darauf angelegt hätte, wäre sie sicherlich auch als Süditalienerin durchgegangen.

Am Anfang hielt sie sich zurück, antwortete zwar, wenn sie etwas gefragt wurde, aß ansonsten aber schweigend und schien sich nicht für die Tischgespräche zu interessieren. Paul fand das schade, denn ihn interessierten die Themen der Erwachsenen auch nicht, und er hätte sich gern mit ihr unterhalten. Er erwartete ja gar nicht, dass sie ihm gleich freudig um den Hals fiel, aber etwas mehr Redseligkeit wäre schön gewesen. Hatte sie keinen Bock auf fremde Leute im Haus? Bedeutete das vielleicht Arbeit für sie, Verzicht auf Freiheiten, hatte sie womöglich ihr Zimmer räumen müssen, um die Aufnahme zahlender Gäste zu ermöglichen? Oder war sie einfach nur müde?

 

***

 

Nach dem Essen fragte Paul seine Eltern, ob er noch nach draußen durfte, sich im Dorf umsehen oder eine Runde joggen. „Na ja, ich weiß nicht“, antwortete seine Mutter zweifelnd. „Du kennst dich doch überhaupt nicht aus hier. Was, wenn du dich verläufst?“ „Kann er nicht“, meinte Christine ruhig. „Das Dorf ist ja nicht groß, und im schlimmsten Fall kann er von überall den Kirchturm sehen. Von da aus findet er dann auf jeden Fall zurück.“ „Und es gibt auch keine gefährlichen Wege, auf denen er abstürzen oder sich den Fuß brechen könnte?“ „Nein“, versicherte die Bäuerin. „Du kannst ganz beruhigt sein, ihm kann hier nichts passieren. Außerdem, vielleicht hat Franzi ja Lust, ihn zu begleiten, dann hätte er eine ortskundige Führung.“

„Ich mach aber ziemlich Tempo!“, gab Paul spontan zu bedenken. Im nächsten Moment bereute er es schon wieder, als Franziska verärgert das Gesicht verzog. Da war er ja mal schön ins Fettnäpfchen gesprungen! Ja, er joggte schon lange und lief tatsächlich ziemlich schnell, die meisten seiner Freunde und Klassenkameraden verzichteten dankend darauf, ihm hinterherzuhecheln, aber so deutlich hätte er Franziska das trotzdem nicht unter die Nase reiben müssen. Außerdem kannte er sie ja gar nicht, er konnte also nicht wissen, ob sie nicht genauso sportlich war wie er, oder sogar noch besser.

Die Chance, sie im Rahmen eines gemeinsamen Dauerlaufs etwas näher kennenzulernen, hatte er sich jedenfalls versaut. „Sorry!“, murmelte er in ihre Richtung. „War nicht so gemeint. Es ist nur...“ Er wollte ihr erklären, warum ihm der Satz rausgerutscht war, brach aber ab, als er sah, wie Franziska ihn aus ihren dunklen Augen anfunkelte. Mist, das konnte ja heiter werden! „Schon gut!“, gab Franziska zurück, aber der Tonfall klang kein bisschen versöhnlich; er hätte besser zu einer Bemerkung wie „Halt einfach die Fresse!“ gepasst.

Pauls Eltern war das Ganze peinlich, und ein mahnender Blick seiner Mutter traf Paul. Als ob er sich nicht selbst am meisten darüber geärgert hätte, dass ihm das rausgerutscht war!

„Lass ihn einfach noch eine Runde laufen!“, versuchte sein Vater zu vermitteln und legte seiner Frau eine Hand auf den Arm. „Die Fahrerei strengt an, es wird ihm guttun, sich zu bewegen, und ich glaube, hier im Dorf kann ihm wirklich nichts passieren.“

„Na ja“, gab Pauls Mutter nach. „Aber du bleibst auf den Straßen!“, schärfte sie Paul ein. „Und nur bis halb zehn!“ Das war noch etwas mehr als eine Dreiviertelstunde, mehr als genug, um eine Runde der üblichen Länge zu schaffen. „Gibt es eine Strecke, wo man gut joggen kann?“, erkundigte Paul sich. Er sah bewusst Franziska an, vielleicht besänftigte es sie ja, wenn sie sah, dass er sie um ihren Rat bat. „Du kannst die Straße runter, am anderen Ende vom Dorf links hoch und dann oben am Hang lang zurück“, antwortete Franziska kühl. Immerhin antwortete sie überhaupt, vielleicht gab es irgendwann ja doch noch eine Chance.

Im Moment gab es aber wohl nichts mehr zu sagen, und Paul wollte seine Zeit auch nicht vergeuden. Er ging nach oben in sein Zimmer, vertauschte rasch die Straßentreter mit Turnschuhen und machte sich dann auf den Weg. Die Kleidung zu wechseln erübrigte sich, mit Shorts und T-Shirt war er für einen Dauerlauf gut gerüstet.

Das Wetter war ideal, trocken und warm, aber nicht zu heiß, und die Straße war ordentlich asphaltiert, ohne Schlaglöcher und Flickstellen, an denen nur notdürftig ausgebesserter Straßenbelag Stolperfallen bildete. In flottem Tempo trabte Paul am linken Rand der Fahrbahn entlang, zu seiner Linken das Dorf, rechts erst der See und später saftige Wiesen. Er achtete darauf, dass alles gleichmäßig lief, die Schritte und auch der Atem. Er atmete tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus, wie er es gelernt hatte, um Seitenstiche zu vermeiden.

Zumeist war er allein auf der Straße, nur selten überholte ihn ein Auto, in dem wohl Gäste des weiter hinten im Tal gelegenen Gasthofs saßen. Von seinen Recherchen vor dem Urlaub wusste Paul, dass es ungefähr einen Kilometer hinter dem Dorf einen großen Gasthof mit Restaurant, etlichen Zimmern und viereinhalb Sternen gab. Dort endete auch die Straße, und kurz darauf auch das Tal. Weiter rauf kam man dann nur noch zu Fuß oder teilweise mit dem Mountainbike. Fußgänger begegneten ihm nicht, nur wenn er nach links in die Straßen schaute, die zwischen die Häuser führten, sah er den einen oder anderen Passanten.

Als er die letzten Häuser erreicht hatte und Franziskas Wegbeschreibung folgend links abbog in eine Straße, die in einem leichten Bogen den Hang hinaufführte, schloss sich ihm ein Hund an, eine bunt gescheckte Promenadenmischung. Der Hund war nicht gerade klein, aber Paul hatte keine Angst, denn er mochte Hunde, Tiere ganz allgemein, und hatte in früheren Urlauben in Südtirol schon manchen neugierigen Hofhund kennengelernt. Irgendwann würde der Hund schon wieder zurück nach Hause laufen.

Der Weg führte jetzt bergauf, das Laufen wurde anstrengender, aber daran war Paul gewöhnt, auch seine übliche Laufstrecke zu Hause hatte Steigungen. Er passte seinen Laufstil an und machte kürzere Schritte, hielt aber immer noch ein flottes Tempo. Die Strecke gefiel ihm, zumindest um diese Zeit war sie ruhig, der Schwierigkeitsgrad war genau richtig, und der Untergrund ließ keine Wünsche offen. Franziska schien wirklich eine gute Wahl getroffen zu haben und hatte ihn auf jeden Fall nicht aus Rache auf eine besonders hässliche, holprige und steile Strecke geschickt.

Die Straße machte einen weiten Bogen nach links, also schon wieder ansatzweise in Richtung auf den Oberseehof, vor allem aber auf das große Hotel zu, das Paul schon vorhin auf der Fahrt gesehen hatte. Paul hatte im Vorbeilaufen unten an der Einmündung auch ein entsprechendes Schild gesehen.

Der Hund schien für den Bau, der in der Landschaft wie ein Fremdkörper wirkte, nicht viel übrig zu haben. Als die Hotelzufahrt in Sicht kam, blieb er stehen, schüttelte sich und rannte dann eine Seitenstraße hinunter. Paul schmunzelte, als er es sah, und sah dem Hund nach, bis er hinter einer Ecke verschwand.

Er schätzte, dass er jetzt gut zwei Drittel der Strecke geschafft hatte, und er lag gut in der Zeit. Noch zehn Minuten, dann würde er wieder am Oberseehof sein, schätzte er, das war mehr als früh genug. Selbst wenn er zwischendurch nach dem Weg suchen musste oder an einem stark abschüssigen Abschnitt langsam würde gehen müssen, würde er nicht zu spät kommen. Dann noch duschen, und für den Rest des Abends würde er es sich mit einem guten Buch gemütlich machen.

Alles in allem fand Paul, dass er nicht meckern konnte. Der Hof war schön, auch schön gelegen, und was er bis jetzt von St. Peter gesehen hatte, sah ganz brauchbar aus. Die Bäuerin war nett, das Essen gut und sein Zimmer bequem. Nur sein Ungeschick mit Franziska ärgerte ihn, aber noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, es wieder gutmachen zu können.

Ausgeschlafen und gut gelaunt fand er sich am nächsten Morgen um halb neun zum Frühstück ein. Arnold war schon weg, er arbeitete in der nächsten Stadt und musste früh aus dem Haus. Dafür setzten sich Christine und Franziska dazu, obwohl zumindest Christine schon zusammen mit ihrem Mann gefrühstückt und wohl auch Franziska schon etwas gegessen hatte.

Das Frühstück war üppig, es gab Brot und Brötchen, Butter, Wurst, Käse und Marmelade zum Belegen und Bestreichen, Müsli, Obst, Milch, Kakao und Kaffee. Außerdem hatte Christine noch heißes Wasser auf dem Herd, falls jemand lieber Tee trinken wollte.

Während er sein Brötchen aß, versuchte Paul immer wieder, unauffällig einen Blick auf Franziska zu werfen. War sie ihm immer noch böse? Oder legte sie die gleichgültige Miene ab, wenn sie sich unbeobachtet fühlte? Er konnte es nicht genau erkennen, dafür kannte er sie einfach viel zu wenig, aber wenigstens schnitt sie ihn nicht bewusst. Allerdings musste das nicht unbedingt was zu bedeuten haben – Christine hatte sicherlich Verständnis, wenn Franziska wegen der dummen Bemerkung sauer war, würde aber trotzdem schimpfen, wenn Franziska auf offenen Konfrontationskurs zu den Gästen ging. Ein Gespräch zwischen den Kindern wollte auf jeden Fall nicht in Gang kommen, aber Paul versuchte es auch nicht ernsthaft. Er wollte weder noch mal ins Fettnäpfchen treten, noch Franziska mit Versöhnungsversuchen, für die sie noch nicht bereit war, zusätzlich verärgern.