Kein Weg durch den Sturm

Erscheint am 20. April 2019

25 Seiten

ISBN 978-3749452040

Erhältlich als Ebook

 

Wegen des Sturms gibt es nach der vierten Stunde frei, aber für Emily ist das schon zu spät. Weil überall Bäume auf den Gleisen liegen, fahren keine Züge mehr. Wie soll Emily nach Hause kommen? Scheint so, als müsste sie sich an der Schule unterstellen, bis ihre Eltern sie abends mit dem Auto abholen können.

Da erweist sich Björn als Retter in der Not. Emily hält nicht viel von ihm, aber ihr bleibt kaum etwas anderes übrig, als sein Angebot anzunehmen, das Ende des Sturms bei ihm abzuwarten. Und wenn er ihr hilft, dann kann er ganz so übel ja auch nicht sein, oder?

 

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Autorenplauderei:

Alter Bildfund

Für das Cover dieses Ebooks habe ich ein Foto (das Mädchen, das im Wald auf dem Boden sitzt) verwendet, dessen Link ich mir irgendwann einmal mit dem Gedanken gespeichert hatte, ich könnte mal eine Geschichte dazu schreiben. Bei der Suche nach passendem Material für das Cover von Kein Weg durch den Sturm bin ich dann wieder auf dieses Bild gestoßen; so kommt das Foto letzten Endes tatsächlich als Cover zum Zuge, obwohl die Geschichte unabhängig davon entstanden ist.

Für die Entstehung des Fotos musste sich das Mädchen übrigens nicht in Gefahr begeben, von einem Zug überfahren zu werden: Die Schienen habe ich ihm durch eine Bildmontage im wahrsten Sinne des Wortes untergeschoben.

Mitten in der vierten Stunde hallte der Gongton durch die Klassen, der sonst die Pausen einläutete und beendete. Danach knackte es im Lautsprecher über dem Schrank neben dem Waschbecken. „Achtung, eine Durchsage an alle Schülerinnen und Schüler!“ Das war die Stimme der stellvertretenden Schulleiterin. „Der Deutsche Wetterdienst hat seine Unwetterwarnung ab mittags noch einmal verschärft“, ging die Durchsage weiter. „Damit alle Schülerinnen und Schüler trotzdem sicher nach Hause kommen, endet der Unterricht heute für alle Klassen nach der vierten Stunde. Ich wiederhole...“

Der Rest wurde vom Jubel der Jungen und Mädchen in der Klasse übertönt. Der Sturm, der schon seit der Nacht über dem Ruhrgebiet tobte, schien den meisten keine Sorgen zu machen. Dass deswegen unverhofft die fünfte und sechste Stunde ausfiel, nahmen sie aber gerne mit. Noch lauter war der Jubel in der Parallelklasse, die ihren Klassenraum direkt nebenan hatte, das hörte man bei den dünnen Zwischenwänden recht deutlich. Eingeweihte wussten, dass der Sturm der 7c das Englisch-Diktat ersparte, das in der fünften Stunde hätte geschrieben werden sollen. Natürlich würde das Diktat nachgeholt werden, aber daran dachte im Moment wahrscheinlich nur der Lehrer.

Am Fensterplatz in der zweiten Reihe atmete Emily auf. Sie hatte schon die ganze Zeit mehr auf das Wetter draußen geachtet als auf den Unterricht und sich gefragt, ob sie wohl noch nach Hause kommen würde. Sie hatte schon überlegt nachzufragen, ob sie früher gehen durfte, aber sie hatte sich auch davor gefürchtet. Erdkundelehrer Schnipp galt allgemein als streng, und sie hatte immer das Gefühl, dass er sie ganz speziell nicht mochte. Warum, das wusste sie nicht, sie konnte sich nicht entsinnen, ihm etwas getan zu haben.

 

***

 

Als es zum Ende der Stunde klingelte, holte Emily als Erstes ihr Handy aus dem Rucksack, um sich die Bahnverbindungen anzeigen zu lassen. Sie hatte von allen Kindern in der Klasse den längsten Heimweg, wohnte nämlich anders als die anderen nicht in Gelsenkirchen, sondern in Castrop-Rauxel. Bis vor einem Dreivierteljahr hatte sie gar nicht so weit von der Schule entfernt gewohnt, war dann aber mit Eltern und Geschwistern umgezogen. Ihre Eltern hatten ihr die Entscheidung überlassen, ob sie auf der alten Schule bleiben oder wechseln wollte. Emily hatte sich entschieden, zu bleiben, trotz der Fahrtzeit, weil sie in ihrer Klasse gute Freundinnen hatte und befürchtet hatte, nur schwer neue Freunde zu finden, wenn sie neu in eine Klasse kam, die so schon seit zwei Jahren zusammen war. Ihre Geschwister dagegen besuchten Schulen in Castrop-Rauxel, ihr Bruder ging in die Elfte, wo es eh keine Klassen mehr gab, die jüngere Schwester noch zur Grundschule.

Seit den Sommerferien pendelte Emily also und nutzte dafür Regional- oder S-Bahnen. Das ging einigermaßen flott, mit Bussen und Straßenbahnen war es dagegen eine Weltreise.

Die Fahrtzeiten der Züge kannte sie auswendig, aber bei diesem Wetter rechnete sie mit erheblichen Verspätungen. Da musste ja nur an einer Stelle ein Baum auf dem Gleis liegen, und schon geriet der gesamte Fahrplan aus dem Takt. Normalerweise hatte sie jede Stunde drei Verbindungen nach Hause, zwei S-Bahnen und einen Regional-Express. Die wurden ihr in der App auch alle angezeigt – allerdings jede versehen mit einem Icon, das eine durchgestrichene Lok zeigte. Fahrt fällt aus, hieß das, und auch als Emily sich spätere Verbindungen anzeigen ließ, stand überall das Icon. Also tatsächlich ein Baum auf den Schienen?