Versteck dich!

Ich schütze dich

Erschienen im Dezember 2016

88 Seiten

ISBN 978-3743128880

Erhältlich als Taschenbuch und Ebook

 

Die Mutter: säuft wie ein Loch. Der Stiefvater: kann nur prügeln. Kein Wunder, dass Julia da abgehauen ist. Und wer stolpert im Park fast über sie? Genau. Eigentlich hätte ich aus der Sache schnell wieder raus sein können, das Jugendamt ist ja da gleich um die Ecke, aber nee, lieber nicht. Was, wenn sie die Kleine wieder zurückschicken? Ich will sicher sein, dass sie nie wieder zu ihrer versoffenen Mutter und ihrem prügelnden Stiefvater muss. Bloß, jeder Erwachsene, den ich einweihe, wird sie sofort zum Jugendamt schleifen. Also muss ich sie verstecken und mich selbst um sie kümmern. Eine echte Herkulesaufgabe, aber ich werde es schaffen, weil ich es schaffen muss.

Ebook €1,99
Taschenbuch €4,90

Autorenplauderei

Die Geschichte zu Versteck dich! ist schon ziemlich alt. Damals gehörte zu meinen regelmäßigen Mitfahrern in der U-Bahn eine Gruppe von Unterstufenschülern, die meist ziemlich weit vorne saßen, und an einem Morgen wurde ich fast von einem Mädchen umgerempelt, das an dem Tag offensichtlich gründlich die Nase voll hatte von den anderen und sich deshalb nach ganz hinten abgesetzt hat. Daraus entstand dann nach und nach die Idee zu einer Siebtklässlerin, die den Bus verlässt, weil sie sich die Sprüche eines Klassenkameraden nicht mehr anhören mag, und dann im Park eine Begegnung hat, die ihr Leben völlig auf den Kopf stellt.

Der Einsatzwagen nähert sich der letzten Haltestelle vor dem Rathaus, wenn alles gut geht, bin ich in einer Minute raus aus diesem Irrenhaus. Es ist fünf nach halb acht, der Bus gesteckt voll, Gespräche, die sich gegenseitig zu übertönen versuchen, das Geschrei der Fünftklässler und Musik aus viel zu weit aufgedrehten mp3-Playern und Smartphones vermischen sich zu einer gehörtötenden Geräuschkulisse. Von hinten drückt mir einer, der noch nie was davon gehört hat, dass alle mehr Platz haben, wenn jeder seine Tonne abnimmt, seinen Rucksack ins Kreuz, und vom Festhalten an der Stange unter der Decke tut mir allmählich der Arm weh, aber was mich wirklich nervt, sind die seichten Witze unseres Klassenkaspers. Einmal in Fahrt gekommen, kennt Daniel einfach keine Grenzen mehr, und seit Steffi mich gefragt hat, warum ich mich gestern nicht bei ihr und den anderen aus der Clique hab blicken lassen, und ich wahrheitsgemäß zugegeben hab, dass ich mal wieder bei Jana war, malt er den Umstehenden in den schillerndsten Farben eine lesbische Beziehung aus.

 

Dabei weiß er ganz genau, dass Jana mir Mathe-Nachhilfe gibt, weil ich nach einer Drei minus in der Fünften im letzten Jahr auf eine Vier abgerutscht bin. Nachdem ich die erste Arbeit in diesem Schuljahr komplett verhauen hab, wollten meine Eltern mir einen Nachhilfelehrer aufs Auge drücken, um, wie sie’s ausdrücken, den freien Fall zu stoppen, und mit jemandem aus meiner Klasse zu lernen, ist ein Kompromiss, den ich ihnen mühsam abgerungen hab. Jana macht das auch nicht aus Freundschaft, denn so dicke sind wir wirklich nicht miteinander, sondern weil meine Eltern dafür ihr Taschengeld ganz ordentlich aufstocken, und ich halte durch, weil das immer noch besser ist als irgend so ein verknöchertes Fräulein, das meine Eltern sonst wohl auftreiben würden. Immerhin hilft es, denn im Gegensatz zu unserem Mathelehrer kann Jana mir den Stoff so erklären, dass ich ihn verstehe, und in der letzten Arbeit hatte ich eine glatte Drei.

 

Das jetzt Daniel zu erklären, kann ich mir aber schenken, denn der hat sich in einen Rausch geredet, und die einzige Möglichkeit, ihn zu stoppen, würde die Mordkommission auf den Plan rufen. Naja, noch eine Haltestelle, dann bin ich ihn vorerst los.

 

Doch als der Bus hält, sehe ich Unheil nahen: Zweihundert Meter weiter springt die Ampel auf Rot, und da wir mitten im dicksten Berufsverkehr sind, stauen sich natürlich innerhalb kürzester Zeit etliche Autos vor der Kreuzung, die den Halt genutzt haben, um den Bus zu überholen. Mit der nächsten Grünphase kommt der Bus da bestimmt nicht rüber, sondern wohl erst mit der dritten, das sagt mir meine Erfahrung aus mehr als zwei Jahren, die ich nun schon um diese Zeit in die Innenstadt zur Schule fahre. Also noch fünf oder sieben Minuten Daniels blödes Gerede ertragen? Nein!

 

Kurz entschlossen dränge ich mich zum Ausgang durch, ignoriere den Protest von Bianca aus der Parallelklasse, als ich sie versehent­lich mit dem Ellbogen ramme, und schiebe zwei Fünftklässler, die auf ihren Handys irgendwas zocken und nicht merken, dass ich durch will, mit der Schulter zur Seite. Beschwert euch bei Daniel, der bettelt ja förmlich um Ärger, und einen, der so energisch auf seine Ziele hinarbeitet, sollte man doch unterstützen, oder? Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig nach draußen, es hat schon angefangen, zu piepen, als Warnung, dass die Türen gleich zugehen.

 

Während hinter mir der Bus anfährt und keine fünf Meter weit kommt, atme ich erst mal tief durch. Endlich Ruhe! Falls Daniel begriffen hat, dass ich seinetwegen ausgestiegen bin, freut er sich jetzt wahrscheinlich eine Lampe ans Knie, aber das interessiert mich im Moment herzlich wenig.

 

In normalem Gehtempo überquere ich den Platz vor dem Finanzamt, an dessen Rand die Bushaltestelle liegt, und erreiche durch einen Durchgang in der Häuserzeile die Parallelstraße. Zum Rennen gibt es keinen Grund, meine Schule liegt fast direkt am Rathaus, der Bus fährt so, dass er gut zehn Minuten vor dem Klingeln da ist, und von der Haltestelle, an der ich ausgestiegen bin, sind es nur ein paar hundert Meter mehr zu gehen.

 

Der kürzeste Weg führt durch einen kleinen Park, in dem um diese Zeit absolut tote Hose herrscht. Wahrscheinlich auch sonst, denn gemäht wurde hier schon länger nicht mehr, und die paar Sträucher, die auf der Wiese stehen, hat auch niemand davon abgehalten, zu wuchern, wie es ihnen passt. Eigentlich ist es auch kein richtiger Park, nur eine Lücke zwischen den Häusern, die mit einem Weg längs durch und einem Spielplatz der billigsten Kategorie ganz vorne ein bisschen aufgewertet wurde. Trotzdem gefällt’s mir irgendwie, ein Stückchen Grün zwischen dem ganzen Beton, und nach dem Lärm im Bus tut die Ruhe gut. Die Hauptstraße ist von hier aus kaum zu hören, weil zwei Reihen mit mindestens vierstöckigen Häusern dazwischen stehen, in die andere Richtung sind sowieso alles Kleinstraßen, beidseitig zugeparkt, aber wenig, was rollt.

 

Auch das Wetter macht Freude, und für einen Moment denke ich, eigentlich könnte ich das öfter so machen, eine Haltestelle früher aussteigen und das kurze Stück zu Fuß gehen. Dafür, dass wir schon Ende September haben, ist es eigentlich fast ein bisschen zu warm, ich hab die Jacke zu Hause gelassen, und die Sonne scheint. Die Wettervorhersage behauptet, ein paar Tage soll es noch so bleiben, hoffentlich stimmt’s.

 

Auf der anderen Seite gibt es einen alten Kiosk, ein kleiner Anbau, der an die Seitenwand des Hauses neben dem Park drangeklatscht wurde und schon vor Ewigkeiten dichtgemacht hat. Ich kann mich jedenfalls nicht entsinnen, die Bude jemals offen gesehen zu haben, und auf der Eiskarte neben dem Verkaufsfenster, die zwar von der Sonne ausgeblichen, aber wundersamerweise weder beschmiert, noch abgefackelt wurde, stehen die Preise neben Sorten, die ich gar nicht mehr kenne, noch in D-Mark. Von der Eiskarte mal abgesehen, wurde zerstört, was sich irgendwie zerstören lässt, der Rollladen vor dem Verkaufsfenster hängt schief und ist gesplittert, die Scheibe dahinter ist genauso eingeschlagen wie die Leuchtreklame obendrüber, die Wände sind mit Graffiti zugekleistert, und drinnen liegt jede Menge Müll.

 

Ich bin nur noch ein paar Meter von dieser Ruine entfernt, als ich mehr aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnehme. Ich gucke genauer hin, sehe, wie die Tür sich öffnet, und bin mit einem Satz hinter dem nächsten Busch, der zum Glück hoch genug ist, um mich zu verdecken, und ein dichtes Blattwerk hat. Zu klauen gibt’s in der Bude bestimmt nichts mehr, es muss also entweder ein Penner oder ein Randalierer sein, wobei das eine das andere nicht ausschließt. Der Wind, der gerade reicht, um die Blätter leise rascheln zu lassen, hat die Tür jedenfalls nicht bewegt, denn ich hab früher aus Neugier mal in den Kiosk geschaut und weiß noch, dass die Angeln rostig sind und die Unterkante auch irgendwo am Boden schleift. Ich muss gestehen, mir wird’s ein bisschen flau im Magen, man weiß ja nicht, was man von so einem Typen zu halten hat, der sich in Abbruchhäusern rumtreibt. Ich bereite mich schon mal drauf vor, abzuhauen, falls der Typ mich sieht, aber vielleicht zittert er ja in die andere Richtung ab, und ich kann weitergehen, wenn er etwas Vorsprung hat.

 

Das Erste, was ich von der Gestalt hinter der Tür zu sehen bekomme, ist eine Hand, und schon das lässt mich stutzen. Sieht ziemlich klein aus, nicht so, als könnte sie mich erwürgen, und der Kopf, der sich direkt danach vorsichtig ins Freie schiebt, dürfte auch keinem Hünen gehören, da hätte das Kinn bei halbwegs normaler Körperhaltung deutlich mehr Abstand zum Boden haben müssen. Ein schlanker Körper vervollständigt die Figur eines Mädchens von sieben oder acht Jahren, das sich in alle Richtungen umguckt, ohne mich aber zu sehen, und dann ein paar Schritte nach draußen macht, um sich in der Ecke zwischen der Rückwand der Bude und der Seitenwand des Hauses, an das der Kiosk angebaut ist, zum Pinkeln hinzuhocken.

 

Die Kurze erleichtert sich, und ich bin erleichtert, weil ich von ihr nun wirklich nichts zu befürchten hab. Hit Girl wird in der roten Cordhose und dem blauen Sweatshirt jedenfalls nicht drinstecken.

 

Mein Aufatmen dauert nicht länger als eine Sekunde, dann kommen mir Zweifel. Soll ich wirklich einfach weitergehen? Die Kleine ist so schmutzig, der Pulli voller Spinnenweben, die Hose staubig und das Haar verfilzt, das kann sie kaum geschafft haben, wenn sie heute früh sauber und ordentlich aus dem Haus gegangen ist und auf dem Weg zur Schule nur mal kurz in die Bude geguckt hat, wo sie schon mal zum Pinkeln von der Straße weg ist. Sieht ganz so aus, als hätte sie hier übernachtet, und ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Eltern das erlaubt haben.