Idiomatisch

Merke: Lege dich nie mit einem Lehrer an, der von sich überzeugt ist! Sonst sitzt du plötzlich im Büro des Direktors und darfst dir eine Standpauke anhören, in der so ziemlich alle Höllenqualen vorkommen.
Dr. Justus (ausgerechnet!) Walter ist so ein Lehrer, der nur schwarz und weiß kennt. Alles, was sie ihm im Studium eingetrichtert haben, ist richtig, alles andere ist falsch. Und so einer unterrichtet ausgerechnet Englisch! In Mathe wäre es halb so wild, entweder ist das Ergebnis richtig, oder es ist falsch; höchstens über den Weg, wie man die Lösung gefunden hat, könnte er sich da noch beschweren. Aber Sprache ist einfach was anderes, da gibt es viel, was nicht eindeutig richtig oder falsch ist, oder es kommt auf den Zusammenhang an. Wenn ich einen Aufsatz über eine adelige Dame schreibe und der ein herzhaftes „Fuck!“ in den Mund lege, wenn ihr was runterfällt, mag das unpassend sein; bei anderen Leuten wäre es dagegen völlig normal, so zu schimpfen.
In der letzten Arbeit hat er mir an zwei Stellen was angestrichen und Ausdruck! an den Rand geschrieben. Das bedeutet, dass das, was ich geschrieben habe, zwar kein Rechtschreib- oder Grammatikfehler ist oder keinen Sinn ergibt, dass aber niemand es so sagen würde. Vielleicht hätte ich das stillschweigend hingenommen, weil ich den Walter ja kenne und weiß, wie er tickt – bloß, dass mich diese beiden Sachen die Zwei gekostet haben, die ich sonst für die Arbeit bekommen hätte. Das konnte ich nicht so stehenlassen, zumal sich das ja auch auf die Note auf dem Zeugnis auswirken würde.
Also hab ich mein Heft genommen, bin zum Walter ans Pult und hab ihm erklärt, dass die beiden Begriffe, die ich benutzt habe, ganz normaler englischer Sprachgebrauch sind. „Unsinn!“, hat er das genannt. Woher ich das denn wissen wollte? Rein rhetorische Frage, das, denn zu einer Antwort hat er mir gar keine Gelegenheit gegeben. Er hätte schließlich studiert und wäre schon etliche Male in England gewesen, da würde ich mir doch wohl nicht anmaßen, es besser wissen zu wollen als er, oder?
Die Klasse hat das natürlich mitgekriegt, und meine Kameraden wussten auch, wer da derjenige ist, der sich was anmaßt. Entsprechend heftig waren die Reaktionen, aber der Walter hat alles abgewürgt und damit die nächste Chance verpasst, zu begreifen, dass er auf dem falschen Dampfer ist. Dass meine Klassenkameraden zu mir halten, kann er mir natürlich nicht offiziell zum Vorwurf machen, aber es dürfte doch wesentlich dazu beigetragen haben, dass er vor Wut fast geplatzt ist und mich zum Direktor geschleift hat. Jetzt sitze ich hier und darf mich belehren lassen, dass ich gut daran täte, zu akzeptieren, wenn der Lehrer mir einen Fehler anstreicht, schließlich könnte ich allein vom bisherigen Unterricht nicht so mit den Feinheiten der Sprache vertraut sein wie Dr. Walter. Darf ich lachen?
Aber die Situation ist alles andere als lächerlich, denn da ich nicht bereit bin, klein beizugeben, wird auch der Direktor allmählich sauer. Er schimpft und droht mir sogar einen schriftlichen Tadel an, aber soll ich deswegen einen Fehler gestehen, den ich nicht gemacht habe, und die Note akzeptieren, die nicht gerecht ist?
Doch ich muss einsehen, dass ich hier ohne Hilfe nicht weiterkomme. Die hohen Herren sind keinem Argument zugänglich, und vor allem hören sie mir nicht einmal zu. Hier geht’s längst ums Prinzip, und jedes Mal, wenn ich versuche, zu erklären, warum ich mir so sicher bin, dass die Ausdrücke, die ich verwendet habe, vollkommen idiomatisch sind, fällt mir der Walter ins Wort. Wenn er mich einmal ausreden ließe, wäre die Sache längst gegessen, aber darauf kann ich wohl warten bis zum Gedenktag des heiligen Nimmerlein.
Also hole ich mein Handy raus, schalte es ein und fotografiere mein Heft ab, genau die beiden Stellen, die der Walter mir angestrichen hat. Ab damit als WhatsApp an Mum. Dr. Walter und der Direx beobachten mich misstrauisch, ihre Proteste ignoriere ich gepflegt. „Sie kriegen gleich einen Anruf“, kündige ich an, und danach verschränke ich die Arme und sage kein Wort mehr.
Die beiden Herren dürfen sich ungefähr zwei Minuten lang wappnen, dann klingelt tatsächlich das Telefon. Erst mal ist das natürlich nur die Sekretärin, die dem Direktor berichtet, dass sie meine Mum auf der anderen Leitung hat, und fragt, ob sie durchstellen darf. „Ja, ja, stellen Sie durch“, sagt der Direx genervt. Wahrscheinlich hat er sich schon zurechtgelegt, wie er ihr meine Aufsässigkeit begreiflich machen soll, aber so weit kommt er gar nicht. Ich kann mithören, obwohl das Telefon nicht auf Freisprechen steht, und muss mir ein Grinsen verkneifen. Mum nordet Dr. Walter und den Direx ein – auf Englisch. Wie die gucken! Das hätten sie einfacher haben können – der Walter hat mich ja nicht zu Wort kommen lassen, sonst hätte ich ihm gerne erklärt, dass ich fast zehn Jahre in England gelebt habe und Englisch meine zweite Muttersprache ist.