Nächster Halt: Schatten

Der Sommer brach alle Rekorde, und die meisten hatten schon lange aufgehört, sich darüber zu freuen. Auch Louis sehnte das Ende der Hitzeperiode herbei, denn so oft konnte er gar nicht ins Freibad, wie die Temperaturen unerträglich wurden. Selbst nachts kühlte es sich nicht richtig ab, zumindest nicht genug, dass man Durchzug machen und die Hitze aus der Bude rauslüften konnte. Louis und seine Mutter hatten alle Tricks durch, die man so kannte, aber die Dachwohnung war und blieb unerträglich warm. Feuchte Tücher im Fenster, damit die Verdunstung Wärme rauszog, heruntergelassene Jalousien, damit die Sonne nicht ganz so reinknallte, das alles reichte nicht; die Wände waren nicht besonders gut isoliert, und das Flachdach bekam keinen Schatten, weil das Haus das höchste in der Umgebung war. Die Arme unter kaltes Wasser zu halten, half für einen kurzen Moment, aber schon beim Abschütteln fing man wieder an zu schwitzen, und man konnte auch nicht den ganzen Tag mit den Händen unter dem Wasserhahn verbringen.
Louis war hundemüde, er hatte jetzt schon seit mindestens einer Woche keine Nacht mehr richtig gut und lange geschlafen, aber einschlafen konnte er trotz aller Erschöpfung nicht. Auf den Schlafanzug hatte er schon verzichtet, auf die Bettdecke sowieso, aber selbst in Boxershorts fühlte er sich wie im Kannibalenkochtopf. Nicht zum Aushalten!
Man müsste eine Wohnung im Keller haben, ging es ihm durch den Kopf. O. k., wenn es schüttete wie aus Eimern, dann war es nicht so praktisch, weil man dort dann als Erster nasse Füße bekam, aber jetzt bei der Hitze...
Mit einem Ruck setzte er sich auf. Das war doch die Idee! So rasch, wie er es bei der Hitze schaffte, stieg er aus dem Bett und schlüpfte in seine Klamotten. Lautlos schlich er zur Tür und lauschte. War seine Mutter noch wach? Ja und nein, vermutete er, zu hören war nichts, also war sie auf jeden Fall schon ins Bett gegangen, aber schlafen konnte sie wahrscheinlich genauso wenig wie er. Also musste er ganz leise sein, damit sie nichts merkte.
Lautlos, die Sneakers in der Hand, huschte er zur Wohnungstür. Jetzt nur nicht aus Versehen mit dem Schlüssel klappern! Ganz vorsichtig schloss er auf und schlüpfte ins Treppenhaus. So, jetzt noch abschließen, dann war die schwierigste Etappe geschafft!
Auf das Treppenhauslicht verzichtete er, es fiel genug Helligkeit durch die Fenster rein. Immer noch barfuß lief er die Treppe hinunter. Das waren zehn Stockwerke, aber den Aufzug konnte er nicht benutzen. Seine Mutter hätte es gehört, es war gut zu unterscheiden, ob der Aufzug auf der obersten Etage war oder weiter unten, und die Nachbarwohnung hatte ein junger Mann, der beruflich unterwegs war.
Erst unten wagte Louis die Sneaker anzuziehen. Wie spät war es eigentlich? Er holte das Handy raus, das er mehr aus Gewohnheit eingesteckt hatte, und schaute nach: zehn Minuten nach Mitternacht. So spät war er noch nie allein draußen gewesen, nur an Silvester mit seiner Mutter.
Weit hatte er es nicht, die U-Bahn-Station lag nur einen Steinwurf entfernt. Für den Schulweg oder wenn er in die Stadt wollte, war das unheimlich praktisch, und jetzt war es seine Rettung, denn noch ein paar Nächte ohne richtigen Schlaf, und er würde durchdrehen.
Ein wenig mulmig war ihm schon, als er den Fuß auf den Treppenabgang setzte. Hörte man nicht immer, dass nachts in U-Bahnhöfen Gestalten rumliefen, denen man besser nicht im Dunklen begegnen sollte? Und würde nicht irgendjemand, der ihn durch die Überwachungskameras sah, die Polizei schicken, damit sie ihn nach Hause brachte? Das würde einen schönen Terz geben!
Aber Louis spürte auch die Kühle, umso mehr, je tiefer er kam. Das gab den Ausschlag, es war ein Segen, der Hitze über der Erde zu entfliehen. Er setzte seinen Weg fort bis auf den Bahnsteig und schaute sich um. Niemand wartete auf einen Zug, der ohnehin erst am Morgen wieder kommen würde. Auch sonst war kein Mensch zu sehen, Louis hatte die freie Wahl zwischen den Bänken und steuerte gleich die erste an. Waren doch eh alle gleich, und jetzt, wo ihn die Hitze nicht mehr quälte, spürte er umso mehr, wie viel Schlaf ihm fehlte. Er setzt sich, lehnte sich zurück, und obwohl die Bank nicht besonders bequem und die Situation so ungewohnt war, war er im nächsten Moment eingeschlafen.