Wettbewerbsbeiträge

Ab und an reiche ich kurze Beiträge zu Schreibwettbewerben ein, in erster Linie bei der Büchereule. Ab sofort werde ich diese Beiträge im Nachgang auch hier veröffentlichen.

Verkleiden geht immer

Diese Geschichte war als Beitrag für den Schreibwettbewerb der Büchereule im Dezember 2018 gedacht. Aus nicht geklärten Gründen ist die E-Mail, mit der ich den Beitrag eingereicht habe, in den Weiten des Internets verschollen, was ich erst gesehen habe, als die Beiträge veröffentlicht wurden. Daher ist die Veröffentlichung hier die Erstveröffentlichung. Das vorgegebene Stichwort war "zeitlos".

 

Eigentlich hab ich Tante Thekla kaum gekannt. Genau genommen hat sie wohl niemand aus der Familie richtig gekannt. Sie war eine Schwester meines Großvaters, der schon lange nicht mehr lebt. Sie hatte keine Kinder, und meine Mutter ist die einzige Nichte. Deshalb ist ihr auch die Aufgabe zugefallen, jetzt, wo Tante Thekla gestorben ist, die Wohnung aufzulösen. Ein Mammutprojekt, wenn man nicht alles unbesehen in den Container schmeißen will, und dabei hat Tante Thekla gar nicht mal übermäßig viel Zeug gehortet.

Mama ist dankbar für jede Hilfe, und genau deshalb hab ich mir heute meine beste Freundin gegriffen, um Sachen zu sortieren. Aktuell ist der üppig gefüllte Kleiderschrank dran; da wird eine ordentliche Fuhre zur Kleiderkammer gehen.

Es fühlt sich komisch an, wenn man daran denkt, dass die Sachen vor gar nicht allzu langer Zeit von einem Menschen getragen wurden, der jetzt nicht mehr da ist. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein Eindringling. Trotzdem kann ich mir nicht verkneifen, mir ein weinrotes Kleid anzuhalten und mir dazu ein buntes Tuch um den Hals zu legen. „Wie seh ich aus?“

Nicky stutzt kurz, dann pfeift sie anerkennend und lacht. „Wenn du noch einen Strohhut aufsetzt, dann wie eine Dame beim Sonntagsspaziergang in den Zwanzigern“, behauptet sie.

Einen Strohhut hab ich sogar gesehen, irgendwo oben im Schrank. Während ich ihn herauskrame und meine Kostümierung vervollständige, greift Nicky sich eine geblümte Bluse. „Und?“ „Total 68!“

Plötzlich sind wir wieder sieben und feiern ein wildes Kostümfest. Damals haben wir das so oft gemacht, mindestens einmal die Woche. Wir wechseln von einer Verkleidung in die andere, posieren und machen ohne Ende Fotos. Ob Tante Thekla was dagegen hätte, dass wir das mit ihren Sachen machen? Ich glaube nicht, eigentlich müsste ihr doch gefallen, dass wir nicht einfach alles achtlos in die mitgebrachten Säcke stopfen, und ein paar hübsche Teile finden auf diese Weise sogar ohne Umweg über die Kleiderkammer einen neuen Liebhaber.

„Das darfst du echt keinem erzählen!“, behauptet Nicky irgendwann. „Die halten uns ja für komplett bescheuert!“ Dann winkt sie ab und lacht. „Egal, verkleiden geht immer, oder?“


S.O.S. durch die Zeit

Diese Geschichte entstand für den Schreibwettbewerb der Büchereule im September 2018. Als Stichwort war "Parallelwelten" vorgegeben.

 

„Mayday, Mayday!“ Johannes schrie die Worte ins Funkgerät. Fast vergaß er in seiner Panik, Namen und Position des Schiffes zu funken. „O mein Gott, beeilt euch!“

Warum antwortete denn niemand? Es war die erste Fahrt des jungen Funkers, und wenn nicht schnell Hilfe kam, würde es auch seine letzte sein. Der kleine Frachter Lisabelle trieb hilflos in der Nordsee, die Maschine war ausgefallen, das Ruder reagierte nicht mehr. Und der Sturm wurde immer schlimmer! Das Deck war schon geneigt unter Johannes‘ Füßen, und wenn der Wind das Schiff quer zu den Wellen drehte, dann war es nur eine Frage von Minuten, höchstens, bis es kenterte.

 

***

 

„Mayday, Mayday!“ Jakob zuckte zusammen, als die verzweifelten Rufe aus dem Lautsprecher seines Funkgeräts kamen. Das Gerät war uralt, sein Großvater hatte als junger Mann damit gefunkt, und vor ein paar Tagen hatte Jakob seinen Vater endlich überredet, dass er es vom Dachboden holen und ausprobieren durfte, ob es noch funktionierte. Bisher hatte er nicht mehr als ein paar unverständliche Wortfetzen gehört, aber der Notruf war klar und so laut, dass es fast wehtat in den Ohren.

Hastig griff Jakob nach Zettel und Stift, um den Namen des Schiffs und seine Position zu notieren. Und jetzt? Den Notruf wählen? 112? Nein, besser die Seenotrettung! Er googelte die Nummer, tippte sie hastig ins Handy. Der Ruf ging durch, und eine sonore Männerstimme fragte, was los war. Jakob sprudelte alles hervor, schnell und ungeordnet. „Lisabelle sagst du?“, vergewisserte sich der Mann von der Rettung und gab auch die Koordinaten wieder, die Jakob genannt hatte. „Ja, ja!“, rief Jakob. „Beeilen Sie sich doch! Vielleicht ist das Schiff schon gekentert!“

Er hörte, wie am anderen Ende der Leitung eine Tastatur klapperte. „Wusste doch, dass ich den Namen schon mal gehört hab!“, meldete der Mann sich dann wieder. „Die Lisabelle ist im Sturm gesunken – 1968! Ein älterer Kollege hat mir vor Jahren davon erzählt. Sei froh, dass ich den Rettungskreuzer nicht rausgeschickt hab, sonst würd’s richtig teuer für dich! Hast du eine Ahnung, was so ein Einsatz kostet?“

 

***

 

Jakob wusste es nicht, und es interessierte ihn auch nicht. Warum glaubte der Mann ihm nicht? Er hatte den Funkruf doch genau gehört!

Aber das Internet gab dem Mann von der Rettung recht: Die Lisabelle war schon vor 50 Jahren gesunken, sogar auf den Tag genau. Nirgends war ein Notruf eingegangen, die Welt hatte erst von dem Untergang erfahren, als die Besatzung es geschafft hatte, mit dem Rettungsboot an Land zu kommen.

Jakob überlegte. Hatte sein Funkgerät den Notruf damals empfangen und irgendwie gespeichert? Er besah sich das Gerät genau, aber er fand weder ein Tonband, noch einen Wiedergabeknopf.

 

***

 

Er grübelte noch, als er schon im Bett lag. Schon halb im Einschlafen kam ihm eine verrückte Idee: Gab es eine Parallelwelt, die diese durchdrang? Eine Parallelwelt, in der es erst 1968 war und die Besatzung der Lisabelle gerade um ihr Leben kämpfte?